Leonardo Sciascia

Die Farbradierung (und wir reden nicht von der handkolorierten, auch wenn von Chagall) hat immer Mißtrauen in mir ausgelöst: Die mit nur einer Kupferplatte, auf der die Farben jedesmal auf den unterschiedlichen Abschnitten verteilt werden, wie in gewissen Kinderspielen oder auch vor allem im Falle des Gelddrucks; aber auch die mit mehreren Platten, eine für jede Farbe, von der mir scheint, sie sei unbegründete Konkurrenz, Schuldnerin und sogar parasitisch der Lithographie gegenüber. Aber mein Mißtrauen verschwindet jedesmal vor den Farbradierungen Nino Cordios: nichts erinnert mich – in Schuldigkeit und Zuneigung – an die Lithographie. Die Tiefe, der Ton, die Schwingungen sind die der schwarzweiß Radierungen; und die Farben sind eine Art Entwicklung davon, fast als würden sie aus dem Weiß oder Schwarz für eine besondere Auslegung geboren, für ein Ereignis aus Luft und Licht. Die Lithographie könnte sie nicht wiedergeben; und noch weniger könnte das die Malerei. Es liegt etwas Rätselhaftes, etwas rätselhaft Erfundenes, in seinen Radierungen. Eine neue Gattung und die seine. Wollte man Eindrücke wiedergeben, so würde man sagen, daß ihnen die Nacht vorsitzt: daß die Landschaften, die Bäume, die lebendigen und stillen Leben , eingetaucht in die Dunkelheit der Nacht, in sich Lichtreste finden; daß die Dinge im nächtlichen Raum tanzen, wie Glühwürmchen ein Licht in sich tragend. Auch wenn der Himmel klar ist, hell, von Licht überströmt. Nicht ohne Grund hat sich Nino Cordio zu einem bestimmten Zeitpunkt damit wiedergefunden, in seinen Radierungen die Dichtung Lucio Piccolos zu spiegeln. Eine Dichtung für nächtliches Wesen. Sizilianisch, barock, ganz und gar in geheimen Entsprechungen unmerklich treibend und von unmerkbaren Katastrophen. Wie eben in jenen, die Savinio „le cose notturne„, „die nächtlichen Dinge“, nannte.

Juli 1981

Leonardo Sciascia