Das Auge des Cordio

1972, in Mailand, berichtete mir ein Freund, am vorhergehenden Tag die Ausstellung eines Kupferstechers besucht zu haben, Cordio, „Sizilianer wie du“, und davon sehr beeindruckt gewesen zu sein. Er fügte, beiläufig, hinzu, daß fast die Gesamtheit der ausgestellten Blätter Blumen darstellten. Heutige Künstler, die es noch wagen, sich den Blumen zu stellen, kann man , glaube ich, an einer Hand abzählen, und trotz ihres Mutes liebe ich sie doch nicht. Mir gefällt es nicht, den Zerfall der Welt und seine Abbilder auf die Blumen übertragen zu sehen. Zu jener Ausstellung ging ich aber trotzdem, vielleicht, weil mir Leonardo Sciascia einmal anvertraut hatte, daß er sich sizilianischen Künstlern gegenüber „recht mafiahaft“ fühlte, was so viel heißt, als daß er mehr als bereit war, ihr Pate oder Komplize zu sein. Ich betrat die Galerie mit der Absicht, nur einen kurzen Abstecher zu machen, ich kannte ja sowieso niemanden, und blieb zwei Stunden, bis zum Ende der Öffnungszeit. „Eher verwirrt als überzeugt“, wie man in unseren Breiten zu sagen pflegt, ging ich fort. Um mögliche Mißverständnisse umgehend aus dem Weg zu räumen: Ich bin kein Kenner und deshalb nicht in der Lage, klar und deutlich Vorlieben darzulegen; vor der Malerei und der Musik weiß ich nicht auszuwählen, ich werde ausgewählt. In jenen zwei Stunden fühlte ich mich weniger ausgewählt als vielmehr bevorzugt, und als das gestreichelt und liebkost, bis ich ganz gerührt war. Die Verwirrung kam durch ein undefinierbares Gefühl des Erstaunens, das ich mit mir herumtrug, ein Erstaunen, das an Beunruhigung grenzte. Ohne Zweifel, ich war in jener Galerie weniger mit den Stichen eines Kupferstechers als vielmehr mit den Versen eines Dichters in Berührung gekommen. Jene Stiche konnten in der Tat sowohl betrachtet als auch gelesen werden, metrisch gelesen werden, da von einem geheimen Rhythmus geleitet, von einer versteckten Akzentuierung. Wurde ich unruhig, weil mir die Regeln jener Metrik unbekannt waren? Die Lektüre eines kurzen Schriftstücks Guttusos zur Einleitung der Ausstellung vergrößerte meine Verblüffung. Guttuso behauptete, nachdem er bemerkt hatte, Cordio habe die außergewöhnliche Fähigkeit, das Bild „an den Rand des Wunders“ zu tragen, daß jene herrlichen Blätter kein „Resultat reiner Technik“ sein konnten. Eben, und genau das war es, was mich beunruhigte: Woher kam jene Fähigkeit, das Wunder unmittelbar wiederzugeben, ohne Filter, ohne Vermittlungen?

Zurück in Rom (damals lebte Cordio noch dort) suchte und fand ich eine Ausrede, ihn kennenzulernen. Er empfing mich in seinem an Felder grenzenden Studio und nach kurzer Zeit, da er ein Mann von entwaffneter Schlichtheit und direkter Art ist, begann er, mir das Geheimnis seines alltäglichen Wunders zu erläutern, die Mühe und die karthausische Geduld, die die Grundlage jenes Wunders bilden. Ein Geheimnis zu kennen, genügt häufig nicht, ein Rätsel zu entflechten (über Cordio schreibend, sagt Sciascia, in seinen Radierungen sei etwas „Rätselhaftes, etwas rätselhaft Erfundenes“); ich war also dabei, mich mit meinen Fragen an ihn zu wenden, als ich ihn sich nicht mehr hinter mir bewegen hörte. Ich hatte den Eindruck, er sei aus dem Atelier herausgegangen und drehte mich um: er stand aufrecht, still, eines seiner Blätter in beiden Händen haltend und betrachtete ihn. Sein offenes, fast aufgerissenes Auge leuchtete mit einer freudigen und betroffenen Verwunderung, und mir wurde sofort klar, daß er über seine eigenen Farben hinausblickte, er betrachtete etwas, an das ihn jene Farben erinnert hatten. Ich hielt mich nicht länger auf.

Ich begann jedoch, die Fragen, die ich ihm nicht gestellt hatte, an mich selbst zu richten. Was ist es, was sich das Auge Cordios instinktiv weigerte zu sehen und was liebte es zu sehen? Es war offensichtlich, daß es sich als allererstes weigerte, jedwedes menschliche Fabrikat zu sehen. Es genügt, zum Beispiel, eine Radierung zu betrachten, die er „Selinunte archeologica“ nennt: es gelingt nicht, auch nur eine zerbrochene Säule, ein niedergeworfenes Kapitell auszumachen, nichts. Und die Bilder, die er von Zeit zu Zeit „la casa del poeta“ („das Haus des Dichters“) nennt? Im Großteil der Fälle gibt es das Haus nicht, man muß es in der Umgegend erraten oder aber es hat, wenn es sichtbar ist, für eine Behausung so unwahrscheinliche Farben, daß man es mühelos mit einer Pflanze verwechseln kann. Das Haus des Dichters Lucio Piccolo hingegen ist ganz und gar vorhanden und ist anmaßend zu viel, so sehr hervorgehoben, daß es aus dem Horizont tritt. Ein sorgfältig zu Ende gebrachtes Vorhaben. An zweiter Stelle hat es große Mühe, die menschliche Gestalt zu sehen. Wenn es sie sieht, dann sind es pseudofeminine Gestalten, Armida, Monica, la ragazza del frutteto (das Mädchen des Obstgartens), il profilo rosa(das rosafarbene Profil) – in Wirklichkeit handelt es sich um Blumen, entstanden durch wilde Kreuzungen, im Metamorphoseakt erfaßt. Metamorphosen! Und nun wurde mir die geheime Metrik klar, mit der ich die Bilder Cordios lesen mußte. Bei jenen Radierungen handelt es sich um Hexameter, die Farben schlagen hier den Daktylus, dort den Spondeus und das rasche Aufeinanderfolgen der Daktylen läßt die lodernde Lebendigkeit der Materie in ihrer Formwerdung entstehen, wie die Überfülle an Spondeen die Farben mit dem verschlossenen Fließen der Nacht prägt.

Einmal auf dem Weg, brauchte ich nicht mehr lange, um Cordios „Ort“ zu finden. Er ist einen Schritt weit entfernt vom „De rerum natura“ des Lukrez.

„Principio genus herbarum viridemque nitorem

terra dedit circum collis camposque per omnis,

florida fulserunt viridanti prata colore,

arboribusque datumst variis exinde per auras

crescendi magnum immissis certamen habensis.“

Das ist nicht nur der Ort, sondern auch der Augenblick. Es ist der Moment, der unmittelbar auf die Schöpfung folgt, wenn die junge Erde buchstäblich in prachtvolle Vegetation , in schwindelerregendes Anhäufen von Formen und Farben explodiert. Diesen Augenblick kann man nicht erzählen, man kann ihn höchstens intuitiv erkennen, wie es Lukrez tut. Man kann ihn jedoch bezeugen, indem man den Moment, in dem Grün zögert, sich ganz als solches zu definieren, in dem Violett den Versuch unternimmt, sich von Dunkel- und Himmelblau abzusetzen, in dem Rot unentschieden ist, ob es sich Rosa oder Braun nennen soll, überträgt. Und über allem das Erstaunen, das freudige sich Wundern desjenigen, der mit eigenen Augen dem sich Komponieren der schallenden Flagge der Natur beiwohnt. Das ist der verborgenste und tiefste Sinn von Cordios Kunst und wenn es keine Häuser gibt, dann ist das nur deshalb, weil er sie nicht gesehen hat und wenn es keine menschlichen Gestalten gibt, dann ist das nur, weil sie ihre Spuren noch nicht auf der Erde hinterließen.

Bedeutet das, daß Cordio in jenem Ort und Augenblick anwesend war? Genügt das, um jenes rätselhafte Erfinden, inventare (von „invenire“) zu erklären, von dem Sciascia spricht?

Ich bringe eine Hypothese hervor. Es ist bereits ein paar Jahre her, daß mir, zwischen all der Science Fiction Literatur, die ich las, eine Kurzgeschichte in die Finger gerat, die mich fesselte, auch wenn ich mich heute nicht mehr daran erinnere, wer der Verfasser war. Und es kann genauso sein, daß sie meine Erinnerung, indem ich sie nun wieder hervorhole, etwas zurechtbiegt. Ein Astronaut wird mit einer unerfüllbaren Mission beauftragt: auf dem Mars zu landen. Nach einigen Hindernissen – da ist er, angekommen, ganz eingepuppt und ungelenk und gleichsam verschreckt und glücklich: verschreckt wegen der unmenschlichen Feindlichkeit der Umwelt, glücklich, der erste Erdbewohner zu sein, der marsianischen Boden beschreitet. Er läuft stundenlang durch Dampfstrahle, Lavaströme, kochendes Magma, auf jedem Schritt sein Leben riskierend, bis er vorübergehend Unterschlupf in einer Art Grotte findet, in der er völlig erschöpft einschläft. Beim Erwachen kann er wegen irgendeiner Veränderung der Umwelt – der Dampf ist verschwunden, Strahle und Ströme sind unterbrochen – für einen Moment vor der Grotte eine umwerfende, zauberhafte Landschaft aus dunklen Felsen ausmachen, die die Kulisse eines Horizonts aus glitzerndem Gebirge ewigen Eises darstellen. Dann wird wieder alles wie zuvor. Wieder zurück auf der Erde, wird der Astronaut triumphierend in den wichtigsten Hauptstädten empfangen. In Paris gehört zu den Pflichtbesuchen natürlich der Louvre. Und dort sieht er mit qualvoller Verwunderung genau die gleiche Landschaft wieder, die er aus der Höhle auf dem Mars hatte erahnen können: jene, die von Leonardo hinter das Haupt der Madonna in der Felsengrotte gemalt wurde. Der Astronaut war nicht der erste Mensch gewesen, sie zu sehen.

Kann nicht sein, daß auch Cordio?… Ich wiederhole: Es ist nur eine Hypothese. Und sie ist so gewagt, daß ich nicht vorhabe, sie vollständig auszusprechen.

Andrea Camilleri