Maurizio Calvesi

Cordios Gärten

Nino Cordio ist 1937 in Santa Ninfa, im Westen Siziliens, geboren und hat zuerst in Catania und später in Rom an der Accademia di Belle Arti studiert, dann im Atelier Friedländer in Paris. Sein kultureller Ursprung liegt in den fünfziger Jahren, oder auch in der „abstrakt-konkreten“ Periode von Lionello Venturi und dem „neuen Naturalismus“ von Francesco Arcangeli , der seinen Meister in Morlotti hatte. Ich erinnere mich gut an die Feindseligkeit, weniger Antagonismus, der beiden Strömungen: Die „römische“ Gruppe (in der sizilianische Künstler wie Scordia und tunesische wie Corpora waren), dicht an den Abstrakten tout court (die ebenso zahlreich an Sizilianern war – so Accardi, Sanfilippo, Consagra) warf den „Naturalisten“ des Nordens unechte Emotionalität und Innerlichkeit mit wenig formaler Kontrolle vor. Arcangeli hingegen verabscheute den als oberflächlich beurteilten Ansatz der „abstrakt-konkreten“ an das Naturschauspiel und theorisierte die Andersartigkeit (leider schon damals) der „Padania„.

In jenen Jahren von 1955-58 in Bologna lebend, selbst Römer, zu „vereinigender“ Liebe für das Bel Paese erzogen und bereits in der Mentalität gegen Fraktionen eingestellt, konnte ich diese gegenseitige Intoleranz nicht rechtfertigen; die beiden Kunstformen schienen sich mir zu ergänzen, und ich glaube, ich hatte nicht unrecht: sie hatten – heute begreift man das gut – einen Kunstbegriff gemein, der noch an den Anhaltspunkt Natur gebunden ist, aber befreit von seiner Wörtlichkeit und überarbeitet in einer unabhängigen Orchestrierung der Malerei, ob das nun das informalisierende Magma oder die im Licht wiedergeschmolzene post-kubistische Syntax sei.

Man wird, um diese Gemeinsamkeit zu bemerken, die deutliche Loslösung der nachfolgenden Tendenzen von dieser grundlegenden Ausgangsgegebenheit abwarten müssen. Auf diese greift hingegen, sichtbar, Nino Cordio zurück; mit einer eigenen Erforschung des „Mittelweges“ zwischen Landschaft, oder vielmehr der Figur, und der Abstraktion.

In seinen Kupferstichen aus dem Jahr 1959 scheint das Szenarium der Vorstadt, halb Land, halb Stadt hinter einem Netz von Zeichen hindurch, die eine informelle Gestik widerspiegeln, dabei jedoch einen Wert als fast atmosphärisches und helldunkel zeichnendes Filter annehmend.

Man nimmt an ihm, seit damals, das wahr, was wir das Heimweh nach dem Figürlichen nennen könnten, von dem er sich nie ganz entfernen kann, auch wenn die „Impression“ mehr in Lichtflecken und -auflösungen versunken bleibt. Eine Ader lyrischer Betrachtung verinnerlicht die äußere Ansicht im Gemütszustand: dieses zwar zerzauste, aber vibrierende Netz der Zeichen ist auch eine Projektion aus dem Inneren, eine deckende Antwort des Gefühls auf die Nachrichten des Anscheins, ein Signal der Anteilnahme – mit seinen dornenscharfen Kratzern – am Schmerz der vertrockneten Bäume oder der Öde industrieller Gittermasten – mit ihren schwarzen Verknotungen geronnener Melancholie.

Mit anderen Worten haben Sciascia und Guttuso im Bezug auf die Farbradierungen Cordios im Wesentlichen die gleiche Beobachtung gemacht; der erste, indem er diesem Genre gegenüber sein Mißtrauen erklärt, das nur vor seinen, Cordios, Radierungen vergeht, wo „die Tiefe, der Ton, die Schwingungen die der schwarzweiß Radierungen sind und die Farben eine Art Entwicklung davon“ sind; der zweite schreibt: „Auf diesen Bögen, über die acht, neun oder mehr Eindrücke gegangen sind, spürt man die Mühe nicht. Das bedeutet, daß Aufmerksamkeit und Genauigkeit nicht nur eine „Ateliersangelegenheit“ sind, sondern sich in poetischen Atem verwandeln.“. Tatsächlich sind diese Radierungen kaum von Ölgemälden oder Pastellen zu unterscheiden, und der Reichtum der Übergänge und der Nuancierung ist wahrhaft außergewöhnlich , wie auch die überraschende technische Meisterhaftigkeit niemals zum Selbstzweck wird, sondern aufgesaugt wird von der Frische der Erfindung, von der aufbrechenden Anmut der Formen, von der poetischen Saat der Farben, der vollschweren oder verstreuten Halbschatten der nächtlichen Landschaften.

Gegenüber der geheimen Schönheit der Blumen hat Cordio eine so buchstäbliche Sympathie, die richtigerweise Odilon Redon oder Hokusai ins Gespräch gebracht hat, obgleich er weder deren Preziosität noch Formalismus reproduziert: seine Blütenblätter sind vielmehr ein Farbrauschen und sie rascheln mit der gleichen Beweglichkeit und Leichtigkeit wie die Lichter, die in den Walddarstellungen durchsickern; oder Wolkenausrutscher auf dem Ätna, Spiegelungen auf dem Meer, aufgelockerte Schollen auf dem Grund, Schwingungen des Sonnenuntergangs, die sich zwischen Erde und Himmel um den Horizont herum sanft entzünden und auslöschen.

In der Tat, alles ist ein „Blühen“ von gefleckten Tönen, ein bißchen wie man zu sagen pflegt, die Feuchtigkeit blühe auf den Wänden und erscheint der brünierte Himmel von Cespuglio-luna (Strauchmond) aus dem Jahr 1968 nicht vielleicht einmal eine von der Zeit gezeichnete Mauer? Aber was hier in so bunten und zarten Effloreszenzen blüht, ist der Humus der Gärten der Erde und der Poesie.

Maurizio Calvesi